
Der Brand der Stadt Plettenberg
12. April 1725
Aus einer historischen Veröffentlichung, 3. Jahrgang, Ende April 1925.
Seitdem überall in Stadt und Land gut ausgerüstete und geübte Feuerwehren segensreich wirken und die Häuser harte Bewachungen haben, sind große Brände fast unmöglich geworden. Darum vermögen viele Menschen sich kaum vorzustellen, wie furchtbar in früheren Jahrhunderten manche Orte unter der entsetzlichen Wirkung des Feuers gelitten haben. Am meisten wurden von verheerenden Bränden die kleinen heimatlichen Festungen heimgesucht, in denen die gewöhnlich mit Stroh gedeckten Häuser dicht aneinandergereiht waren. Zu den fürchterlichsten Bränden, die in unserer Gegend gewütet haben, gehört der Brand Plettenbergs am 12. April 1725.
Das 1397 zur Stadt umgestaltete Plettenberg bildete fast ein längliches Rechteck mit abgerundeten Ecken und war durch Wall, Wassergraben und Mauer trefflich befestigt. Zwei Doppeltore, von denen jedes durch 2 Türme Schutz erhielt, führten in das Städtchen, dessen Hauptschmuck die 1345 von den Grafen von der Mark erbaute dreischiffige, dreijochige und außer durch den mächtigen Hauptturm noch durch 4 andere Türme ausgezeichnete, prächtige Lambertikirche war. Im Jahre 1725 bewohnten die 123 Gebäude des Städtchens 136 Familien, die neben der Landwirtschaft vorzugsweise Tuchweberei und Sensenschmiederei betrieben.
An jenem denkwürdigen 12. April 1725 erlebte es die friedlicher Beschäftigung nachgehende Bevölkerung, daß es vor Nacht leicht anders werden kann, als es am frühen Morgen war. In einem Stalle in der Nähe des Rathauses hatte eine bettelnde, wahnsinnige Frauensperson, gemäß ihrer Gewohnheit, Tabak geraucht und jedenfalls durch Unvorsichtigkeit zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags den Brand entfacht, den der mit außergewöhnlicher Heftigkeit bald von Norden, bald von Osten brausende Sturm rasend schnell über den ganzen Ort verbreitete. Bevor eine halbe Stunde vergangen war, standen sämtliche altmodischen Fachwerkhäuser lichterloh in Flammen. Die Feuersglut erreichte solchen Grad, daß sogar die Kirchenglocken schmolzen. Unter diesen Umständen mußten alle Löschungsversuche mit den damals in Gebrauch befindlichen kleinen Handspritzen im Reime ersticken. Anstatt sonst sanfte Abendröte den Himmel lieblich vergoldete, erstrahlte er nun schrecklich von dem Feuermeer des wilden Stadtbrandes.
Nach wenigen Stunden standen über 700 Bürger, teils herzzerreißend, teils wehmütig klagend am Grabe ihrer Habe. Sie hatten es empfindlich erfahren: „Die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand“. Außer den Häusern waren fast alle fertigen Waren, Rohstoffe, Geräte, Möbel, Getreide- und Futtervorräte vernichtet. Zu dem Sachschaden kam der Verlust an Menschenleben. Vier Personen hatten einen vorzeitigen Tod in den Flammen erlitten, und weitere 30 mußten für einige Zeit der Fürsorge des „Chirurgus“ anvertraut werden. Unter ihnen war auch der alte Stadtrekrater und Lehrer Freidag Adam Hammerschmidt. Er war gleich beim Ausbruch des Brandes ins Rathaus gelaufen und hatte versucht, wichtige Sachen aus der Ratsstube zu retten; dabei erlitt er solchen Schaden, daß er noch am 23. April „bis auf den Tod“ darniederlag. Wohl das traurigste Geschick ereilte den Bürgermeister von den Höfen, der am 12. April eine Reise nach Siegen gemacht hatte. Der Abend des schaurigen Tages, an dem auch ihm des Feuers Wut das Seinige geraubt, führte ihn noch an die Bahre seiner treuen Lebensgefährtin, die auch zu den Opfern der Feuersbrunst gehörte.
Obschon Plettenbergs Bürger keine schlimmen Sünder gewesen sind als ihre Zeitgenossen, so haben sie doch in Übereinstimmung mit ihrem Pastor, dem Magister Thöne, das erschütternde Brandunglück als eine Strafe für ihre Sünden angesehen. Letzterer äußerte damals, „daß diese allgemeine große Feuersbrunst ein schrecklich Gericht Gottes über Plettenberg und der Menschen Sünden willen verhänget sei, welches man mit Weh- und Demut in ungeheuchelter Buße erkennen und bereuen müsse, damit Gott um Christi willen wieder mit Gnade und Hilfe erscheinen und dergleichen möge.“
Dem Gedanken entsprach auch der Spruch auf die neue Sturmglocke beziehend:
„Ich schrecke, wenn Gott straft mit Krieg und Feuersflammen,
Auf meinen Wink tut sich die Bürgerschaft zusammen.“
Die von dem Bürgermeister von den Höfen damals niedergeschriebenen Worte bringen den großen Schmerz, auch ein starkes Gottvertrauen zum Ausdruck: „Was nicht zu ersetzen, habe ich leider, ach leider! auf meinen leiblichen Augen fahren lassen müssen, indem meine Eheliebste selig in diesem ohnbeschreiblichen Brande Ihr junges Leben einbüßen müssen,
doch gewußt, der Herr hat es genommen, der Herr hat es gegeben nach seiner allweisen Ordnung, der nehme denselben seligsten sey gelobet in Ewigkeit. Ich verzage dennoch nicht und der Allmächtige wird mich aufrichten mit Gnade, Trost und Barmherzigkeit“. Welche trefflichen Worte!
Die Kunde von der schweren Heimsuchung Plettenbergs rief viel Teilnahme und Opferwilligkeit wach. Die 6 außerhalb der Stadtmauer wohnenden und vom Brande verschont gebliebenen Familien, sowie die Amtseingesessenen unterstützten die Obdachlosen auf mancherlei Weise und brachten dazu noch beträchtliche Opfer an Geld. Die Kosten des Wiederaufbaues der Schulen, Pfarrhäuser und Kirchenbedachung übernahm zu zwei Dritteln die Landgemeinde Plettenberg. König Friedrich Wilhelm der Erste bewilligte schon im Mai 1000 Taler, später auch Steuererlaß für 2 Jahre und noch zweimal 264 Taler zum Bau eines neuen Rathauses. Es mußten ihm genaue Pläne nebst zugehöriger Beschreibung vorgelegt werden, die die frühere Beschaffenheit der Stadt und deren geplanten Wiederaufbau deutlich erkennen ließen. Er ordnete an, die Straßen sollten regelmäßiger und die Häuser dauerhafter als früher gebaut werden. Zu dem Zwecke veranlaßte er die Anlage einer Ziegelei in der Nähe der Stadt, die auch Dachpfannen lieferte. Weiter gelangte eine neue Bauordnung zur Einführung, die keine Mist- und Heidekrauthaufen an Straßen und öffentlichen Plätzen mehr duldete und „heimliche Gemächer“ und die Schweinehaltung so eingerichtet forderte, daß die Nachbarn „damit nicht verstänkert“ würden.
Trotz vielseitiger freudiger Unterstützung und des Vorhandenseins des erforderlichen Bauholzes in den Stadtwaldungen, ergab sich eine unangenehme Schwierigkeit für den Bau der Häuser. Die „Feuersocietät“ konnte noch nicht bezahlen, weil sie wegen 6 nach einander abgebrannten Städten noch mit 51 679 Mk. im Rückstande war. „Durch viel sauern Schweiß, Tag- und nächtliche Arbeit, Leihen und Borgen“ gelang es aber im Laufe von 2 Jahren, die meisten Häuser aufzubauen. Dennoch waren 1727 noch 31 unbebaute Brandstellen vorhanden.
P. D. Frommann.